BÜCHER ABSCHREIBEN

Handschrift und Reproduktion

 

Selbstverständlich erscheint es heute, dass Bücher maschinell reproduziert werden und die Handschrift aus ihnen verschwand. Selbst das Manuskript ist seit dem Gebrauch von Schreibmaschinen ein zwar immer noch in Handarbeit erstellter, das heißt ein getippter, aber keineswegs mehr handgeschriebener Text.

 

Inzwischen zeichnet sich durch den Einsatz von Computern die nächste Stufe einer Entwicklung ab, die den Text und die Textproduktion zunehmend vom Körper entfernen. Computergeschriebene Texte werden elektronisch gespeichert und können im Internet oder auf CD veröffentlicht werden, ohne sich jemals als Druckerschwärze auf Papier zu materialisieren.

 

Qua Schreibprogramm beginnt sich der immer auch körperliche Vorgang des Schreibens radikal zu verändern. Das Schreiben mit klassischen Schreibgeräten, sei es Kugelschreiber oder Schreibmaschine, erfordert in einem Akt der Konzentration Denk- und Handbewegung zu synchronisieren und die Geschwindigkeit der Gedanken und die Trägheit der Hand in Einklang zu bringen. In den neuen Schreibprogrammen genügt es, die Anfangsbuchstaben eines Wortes einzugeben, damit der Computer das Wort automatisch zu Ende schreibt. Der Autor verwandelt sich hier vom Wort- zum Initialenschreiber. Die Schreibhandlung, in der das Wort Buchstabe für Buchstabe nachvollzogen wird, ist nur noch rudimentär. Die körperliche Übersetzung des gedachten Wortes bleibt auf halbem Weg stehen. Die Schreiblöcher werden durch die Computeraktivtät gefüllt.

 

Ein Blick auf die historische Entwicklung zeigt die fundamentale Bedeutungs- und Funktionswandel der Handschrift:

 

Mit der Erfindung des Buchdrucks wurde es möglich handgeschriebene Manuskripte in maschinell reproduzierbare Druckvorlagen zu übersetzen. Im computergeschriebenen Text ist die Reproduzierbarkeit bereits im Manuskript angelegt. Vor Erfindung des Buchdruckes wurden handgeschriebene Bücher wiederum durch handschrifliche Kopien vervielfältigt. Sie wandten sich an eine „repräsentative Öffentlichkeit“ und waren aufs engste verbunden mit den Klöstern als Ort der Gelehrsamkeit und Verwaltung des kanonisierten Wissens. Nach der Erfindung des Buchdruckes wird die Handschrift zunehmend Ausdruck des Privaten insbesondere im persönlichen Brief, wobei sich bis heute immer wieder Bedeutungsverschiebungen anbahnen. So brachte etwa der Faxverkehr eine kurze Renaissance der Handschrift, wohingegen nun das Handschriftliche des Briefes respektive der privaten Mtitteilung unter dem Ansturm der Beschleunigung mehr und mehr durch den computergestützten SMS-Verkehr ersetzt wird.

 

Bücher werden Bilder

 

 

Wenn Lars Köpsel in seinen jüngeren Arbeiten Bücher eigenhändig und vollständig abschreibt, erinnert dieses Unterfangen durchaus an die Kopistentätigkeit der Mönche in vorgutenbergscher Zeit. Wie die Mönche wählt er aus dem Fundus der Bücher jene aus, die von einem über den historischen Moment hinausweisenden Interesse sind. Das bedeutet bei Köpsel: Philosophische Texte von Platon über Michel de Montaigne bis zu Ludwig Wittgenstein. Im Gegensatz zur mönchischen Kopistentätigkeit zielt seine Arbeit jedoch nicht auf die Bewahrung und Verbreitung der abgeschriebenen Bücher. Angesichts der Möglichkeiten der neueren Reproduktionstechniken wäre die handschriftliche Kopie ein für diesen Zweck äußerst unproduktives Unterfangen. Am Ende von Köpsels Schreibtätigkeit steht kein handgeschriebenes Buch, sondern ein singuläres Bild – ein Textbild, dessen Text unlesbar geworden ist. Wenn der Vergleich mit der mönchischen Praxis überhaupt weitergetrieben werden kann, dann darin, dass Köpsels mitunter Monate in Anspruch nehmende Abschreibtätigkeit Exerzitien ähnelt. Der regelmäßige Akt des Abschreibens kann als eine Übung betrachtet werden, die sich dem gegenwätigen Geschwindigkeits- und Verwertungsdiktat entzieht und „Körper und Geist“ in einer gewissen Zeitentrückung konzentriert.

 

Köpsels Kopistentätigkeit stellt eine spezifische Form der Aneignung bestehender kultureller Äußerungen dar. – Darin nähert er sich dem postmodernen Diskurs, wie er sich in der Appropriationskunst herauskristallisiert hat. – In seiner handschriftlichen Aneignung der philosophischen Texte ist der Bezug zum eigenen Körper von Bedeutung. – Bekanntermaßen werden Texte intensiver aufgenommen, wenn sie abgeschrieben werden. Das Schreiben mit der Hand schreibt den Text offensichtlich auch ins Gedächtnis ein. – Doch nicht nur der Vorgang des Schreibens bringt hier den Körper ins Spiel, sondern auch der abgeschriebene Text, der als Resultat permanenter Überschreibungen unlesbar wird und dessen Bedeutung hinter seiner Physis verschwindet, entpuppt sich zuletzt als Textkörper. Ein vergleichbares Text-Körper-Verständis ist bereits für die konkrete Poesie konstitutiv.

 

Die Textaneignung Köpsels vollzieht sich in verschiedenen Schreibschichten und mündet in eine Art Exerzitium der Leere. Entscheidend dabei ist: Köpsel schreibt die Schichten nicht einfach linear übereinander, sondern für jede neue Schicht dreht er das Blatt um neunzig Grad, so dass ein unlesbares Textgeflecht entsteht. Im Akt des Schreibens bleibt der Text anfangs lesbar, je mehr Textschichten hinzukommen – es gibt bis zu zwölf – nähert sich der Schreibvorgang dem Absurden, wird der Schreibgrund doch immer schwärzer und die Buchstaben immer unlesbarer: Der Schreiber schreibt, aber er er sieht nicht mehr was er schreibt. Der Text wird durch die Schreibhandlung zwar körperlich vollzogen, aber im körperlichen Vollzug entzieht er sich, je dichter die Überlagerungen werden, der optischen Kontrolle. Der handschriftliche Schreibvorgang erweist sich zunehmend als Selbstzweck.

Die Hand schreibt einen Text, dessen Bedeutung sich im Schreiben verflüchtigt und trotz körperlicher Vergegenwärtigung imaginiert werden muß.

 

Durch das Übereinanderschreiben verschiedener Textebenen wird das abgeschriebene Buch zu einem Gebilde aus Ablagerungen, es wird zu seinem eigenen Palimpsest. Gleichzeitig vollzieht sich durch die Schichtung und Drehung der Übergang vom Text zum Bild.

 

Folgt man Vilém Flusser ist die Schrift durch Linearität gekennzeichnet, das Bild, zumal wenn man es von seiner elektronischen Ausformung her denkt, eine Alll-over-Pixel-Wellen-Struktur. Bei Köpsel erfolgt der Übergang vom Text zum Bild im Sinne dieses Übergangs vom Linearen zum flächig Addierten. Die überlagerten Textteile formen einen komprimierten Text, ein gestricktes feinmaschiges Netzt, ein Textgewebe, welches die gesamte Fläche überzieht. Das lineare Hintereinander verwandelt sich in ein verwobenes Übereinander. Dadurch, dass Köpsel die Unregelmäßigkeiten, die bei der Überlagerung der Schreibfiguren entstehen, bewußt hervorhebt, wird der Text zum Ornament und zum Baustein für abstrakate Konfigurationen, die sich in die Tradition suprematistischer und konkreter Kunst einfügen. Köpsels Aneignung der philosophischen Texte mündet in ein Pattern, das den Sinn des Textes absorbiert hat, in eine Art Mandala der Leere, in dem Zeit und Bedeutung im Textkörper aufgehoben sind.

 

 

Heinz Schütz

 

english 

Copy books

 

Handwriting and reproduction

 

Today. it is without question that books are reproduced by machines and that handwriting has disappeared.Even the manuscript since the use of typewriters is still a handwritten, that means typed, but by no means handwritten text.

 

In the meantime, the use of computers initiates the next step to development creating a growing distance of text and text production from the body. Computer-written texts are stored electronically and can be published in the Internet or on CD without ever materializing as printers ink on paper. The physical act of writing starts to radically change by writing programmes. Writing with classic writing utensils, be it a ball pen or typewriter, requires synchronization of thinking and movement of the hand in an act of concentration, as well as synchronization of the speed of thoughts and the inertia of the head.Latest writing programmes only require typing the first letters of a word for the computer to write the word automatically. The author changes from the word to the initial writer. The act of writing. Placing one letter of a word after the other, is only rudimentary. The physical translation of the thought word stops halfway. The writing pages are filled by the computer action. 

 

A view on the historic development shows the fundamental change in meaning and function of handwriting: By the invention of book printing translation of handwritten manuscripts into mechanically reproducible print patterns became possible. In computer-written texts reproducibility is already established in the manuscript. Before the invention of book printing handwritten books were copied by handwriting. They turned to a “ representative public” and were closely connected to the monasteries as a place of erudition and administration of canonized knowledge. After the invention of book printing handwriting increasingly became an expression of privacy, especially in handwritten letters, showing repeated transfers of meaning until today. Thus, telefax transmissions brought back a renaissance of handwriting, whereas the handwriting in Ietters and private transmissions are increasingly replaced by computer-aided SMS transmissions due to increased accelleration.

 

 

Books become pictures

 

When Lars Koepsel copies entire books by handwriting in his latest works, a process that is strongly

reminiscent of monastic copyist work in pre-Gutenberg timers. Like the monks he selects those books out of the fund ,which are of interest beyond historical moments. This means for Koepsel: philosophic texts from Platon to Michel de Montaigne to Ludwig Wittgenstein. Contrarily to monastic copyist work his work does not aim at preserving and spreading copied books. Looking at the possibilities of latest reproduction

techniques the handwritten copy would be a very unproductive venture. At the end of Koepsels act of writing there is no handwritten book, but a singular picture a text picture with an illegible text. If the comparison with monastic practice may be continued at all, than to the fact that Koepsels copyist work

which sometimes requires months resembles religious exercises. The continuous act of copying may be seen as an exercise which eludes the present dictate of speed and sales concentrating "body and soul" in a certain enrapture of time.

 

Koepsels copyist work represents a specific form of acquisition of existing cultural expressions thus approaching a post-modern discourse crystallized in appropriation art. The relation to the own body is important in his handwritten acquisition of philosophic texts. It is generally known that texts are assimilated more intensely when they are copied. Handwriting obviously copies the text in the brain. But not only the act of writing brings the body into play, but also the copied text that becomes illegible as a result of permanent overlappings and whose meaning disappears behind its physis turns out to be a text body.

A comparable text-body understanding is already fundamental in concrete poetry.

 

Koepsels text acquisition comes to pass in different writing layers ending in a kind of exercise of blank space. It is decisive that Lars Koepsel writes the layers not only one over the other in a linear way, but he turns the sheet by 90 degrees so that an illegible text pattern results. During the act of writing in the

beginning the text remains legible, the more text layers are added - up to twelve layers - the more the act of writing approaches the absurd, the writing sheets become darker and the letters become less identifiable. The writer is writing but he does not anymore recognize the letters and contents he is

writing. Although the text is physically experienced by writing, it eludes optical control in physical experience the denser the overlappings become. The handwritten act of writing _ increasingly proves to be for its own sake. The hand is writing a text whose meaning disappears by writing and has to be imagined despite physical realization.

 

By writing different text layers over each other the copied book turns into a product of depositions - it becomes its own palimpsest. At the same time the transition from text to picture is realized by turning and forming layers. Following Villem Flusser, writing is characterized by linearity, the picture, viewed from the electronic shape is characterized by a all-over-pixel-wavestructure. Koepsel realized the transition from text to picture in the sense of transition from linear to flat added. The overlapping text parts form a condense text, a densely knit net, a text texture covering the entire plane.

 

Linear succession turns into woven overlap. By intentionally emphazising irregularities resulting from

overlapping writing figures, Koepsel turns the text into an ornament and element for abstract configurations inserting in the tradition of suprematistic and concrete art.

 

Lars Koepsels adoption of philosophic texts ends in a pattern having absorbed the sense of the text, in a kind of mandala of emptiness, in which time and meaning within the text body neutralize.

 

 

 

Heinz Schütz